Es scheint, als hätte sich ein grundlegender Wandel vollzogen. Nicht nur in den Einkaufszentren der Großstädte, sondern insbesondere dort. Die Menschen kaufen deutlich seltener in den Einkaufsstraßen ein als früher. Schon vor Weihnachten zieht es sie nicht mehr so stark dorthin. Stefan Genth, Geschäftsführer des Deutschen Handelsverbands (HDE), glaubt, den genauen Zeitpunkt dieses Wandels benennen zu können: „Mit der Pandemie“, sagt er, „sind die Kundenfrequenzen drastisch gesunken“ und „die Kundenzahlen haben sich bisher nicht erholt.“
Die Weihnachtsumsätze waren 2021 für viele stationäre Einzelhändler bereits enttäuschend. Allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen: Vor einem Jahr durften Geschäfte nur von Geimpften, Getesteten oder Genesenen und mit Maske betreten werden; es galten die 2G- oder 3G-Regeln, mit leichten Abweichungen von Bundesstaat zu Bundesstaat. Das Gesundheitsministerium kritisierte dies scharf, da es die Folgen fürchtete. Inzwischen scheint all das schon lange her zu sein.
Dennoch sind viele Einzelhändler schon jetzt, kurz vor Weihnachten, enttäuscht. Diesmal liegt es daran, dass viele Verbraucher angesichts der hohen Inflation sparen und ihr Kaufverhalten während der Corona-Pandemie verändert haben. Laut einer HDE-Umfrage unter 400 Unternehmen sind 60 Prozent der Einzelhändler in den Innenstädten mit der Kundenfrequenz unzufrieden. Ausgenommen sind Einzelhändler für Unterhaltungselektronik, Kosmetik und Lebensmittel. Das bedeutet aber nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen für den Gesamtumsatz. Im vergangenen Jahr verlagerten viele Verbraucher ihre Einkäufe ins Internet und bestellten online. Der gesamte Einzelhandelsumsatz stieg deshalb 2021 deutlich an.
Doch selbst das könnte dieses Jahr ganz anders aussehen. Aufgrund der hohen Inflationsrate kann ein Umsatzanstieg tatsächlich ein Minus bedeuten. Und zumindest für die letzten beiden Monate dieses Jahres geht die HDE genau davon aus. Vieles deutet zudem darauf hin, dass die Deutschen dieses Jahr nicht so viel online einkaufen werden wie 2021. Laut dem Onlinehandelsverband BEVH sind die Umsätze in den ersten Monaten dieses Jahres bereits gesunken.
Wie stark die Verbraucher die Aktionstage rund um den Black Friday dieses Jahr genutzt haben, ist unklar. Der Finanzdienstleister Mollie gibt an, anhand seiner Daten ermittelt zu haben, dass Deutsche 15 Prozent mehr bei kleinen und mittelständischen Online-Händlern ausgegeben hätten. Der Datenanbieter Experian hingegen fand heraus, dass der diesjährige Black Friday – anders als in den Vorjahren – nicht der umsatzstärkste Tag des Jahres im deutschen Online-Handel war. Grundlage hierfür war die Analyse von 500,000 Transaktionen am Aktionstag. Diese Analyse ergab „nur“ einen Umsatzanstieg von 156 Prozent im Vergleich zum Jahresdurchschnitt, während der Anstieg 2021 bei 238 Prozent lag. Laut Experian-Managerin Renate Oldenburg gleicht sich das Kaufverhalten aus. Verbraucher geben in einigen Geschäften an den Tagen vor und nach dem Black Friday mehr Geld aus als am Aktionstag selbst.
Das Preisvergleichsportal Idealo zeigt in einer Umfrage, dass viele Verbraucher sich hinsichtlich ihrer tatsächlichen Ersparnisse an den Schnäppchentagen oft selbst täuschen. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Verbraucher geht davon aus, am Black Friday zwischen elf und 20 Prozent zu sparen. Am Black Friday 2021 betrug die durchschnittliche Ersparnis jedoch lediglich fünf Prozent.
Klaus Wohlrabe, Leiter der Marktforschung beim Ifo Institut, weist darauf hin, dass die Marketingkampagnentage auch für Einzelhändler irreführend sind, insbesondere in diesem Jahr. Vor allem, wenn viele Verbraucher gelegentlich Weihnachtsartikel nachkaufen und dann im Dezember einen Kaufstopp einlegen.
Bleiben Sie mit NextBusiness 24 immer auf dem Laufenden. Entdecken Sie weitere Geschichten, abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie Teil unserer wachsenden Community unter nextbusiness24.com

